„Auf dem Weg zur nächsten Eurocode-Generation“, Bericht zur Initiative „Praxisgerechte Regelwerke im Bauwesen“

Die Baunormung wird vielfach als Hemmnis und als Einschränkung der Bautätigkeit gesehen. Sämtli­chen am Bau Beteiligten ist klar, dass insbesondere die komplexen und umfangreichen Bemessungs­normen (Eurocodes) vereinfacht und verbessert werden müssen. Dieser Aufgabe hat sich die Initiative „Praxisgerechte Regelwerke im Bauwesen“ angenommen. In Bauen mit Holz 6.2016 wurde bereits über die ersten Aktivitäten der Projektgruppe Holzbau berichtet. Inzwischen sind zahlreiche Projekte abgeschlossen und die Ergebnisse wurden bereits in die europäischen Normungsgremien zur Diskus­sion eingebracht.

 

Initiative „Praxisgerechte Regelwerke im Bauwesen“

Vor sieben Jahren schlossen sich zehn Verbände (deutsche Ingenieurverbände, wissenschaftlichen Ver­einigun­gen, Bauindustrie) zur Initiative „Praxisgerechte Regelwerke im Bauwesen“ (PRB) zu­sam­men­, um durch pränormative Arbeiten im Rahmen des Förderprogramms „Zukunft Bau“ die Pra­xis­tauglichkeit der Eurocodes zu verbes­sern und rechtzeitig an­wenderfreundliche Entwürfe vorzule­gen. Das CEN/TC 250[1] hat die Fortschreibung der Eurocodes in vier Phasen geplant, an de­nen die PRB ihre Forschungsaktivitäten ausrichtet. Im Rahmen der 1. Phase (Pränormative Grundla­gen­forschung) wer­den u.a. anhand von Untersuchungen des aktuellen Eurocodes Vorschläge für die nächste Gene­ration der Eurocodes erarbeitet. In der 2. Phase (Ent­wurfsphase) sollen diese Vor­schläge in die euro­päische Diskussion eingebracht werden.

Baustoff- und konstruktionsbezogen sind die Arbeiten innerhalb der PRB auf sechs Projekt­gruppen ver­teilt. Die Projektgruppe 4 (PG 4), die aus über zwanzig Wissenschaftlern, Ingenieuren und Holz­bauunternehmern zusammengestellt wurde, beschäftigt sich mit dem Eurocode 5 „Bemessung und Konstruktion von Holz­bauten“ (EC 5). Die Arbeit in der PG 4 ist auf eine enge Kooperation mit den natio­nalen und euro­päischen Normungsgremien, die frühzei­tige Einbindung europäischer Fach- und Verkehrskreise sowie ein offenes Kommunizieren und Diskutieren der Ar­beitsergebnisse ausgerichtet. Nicht zuletzt beteiligt sich an dem Projekt neben nationalen Verbänden wie Holzbau Deutschland und der Studiengemeinschaft Holzleimbau auch der europäische Dachverband Timber Construction Eu­rope.

 

Projekte in PG 4 – Ease of use

Der EC 5 besteht derzeit aus drei Teilen mit circa 250 Seiten europäischem Normtext und zwei Natio­nalen Anhängen (NA) mit circa 160 Seiten nationalen Anwendungsregeln. Ziel der PRB-Arbeiten sind im Sinne des „ease-of-use“ Reduzie­rungen des Normentextumfangs, praxis­taug­liche Vereinfachungen der Anwendung, eine bessere Navi­gier­barkeit so­wie das Schlie­ßen techni­scher Lücken.

Im Rahmen des Projektes wurden ausgewählte Themen, die für die Holzbaupraxis derzeit die höchste Relevanz aufweisen, analysiert und praxisgerecht aufbe­reitet. Als verbesserungswürdige Schwer­punktthemen haben sich aus deutscher Anwendersicht insbesondere die Regelungen zu den stiftför­migen Verbindungsmitteln sowie die Bemessung und Detaillierung von Verstärkungsmaßnahmen herausgestellt. Desweiteren wurden die Bemessung von Wand- und Deckentafeln sowie die Konkreti­sierung der Nach­weise im Grenzzustand der Gebrauchstauglichkeit priorisiert. Auch die aktuellen Regelungslücken bei der Bemessung von Furnierschichtholz konnten geschlossen werden.

Insgesamt wurden pränormative Verbesserungsvorschläge und Vereinfachungen zu den meisten Ka­piteln des EC 5 erarbeitet. Bei allen bearbeiteten Themen wurde auch eine Reduktion der Anzahl der national festzulegenden Parameter (NDP) und insbesondere der deutschen Zusatzregeln erreicht. In Tabelle 1 sind die abgeschlossenen Projekte zusammengestellt. Die Abschlussberichte können beim Holzbau Deutschland – Institut angefragt werden (kontakt@institut-holzbau.de).

Transport nach Europa

Die Projektergebnisse mündeten in laufend überarbeitete und praxistaugliche Entwürfe von Normen­texten für den EC 5 selbst und für den zugehörigen Nationalen Anhang. Sämtli­che Er­gebnisse wurden in die nationalen Normungsgremien zur Diskussion eingebracht und teilweise bereits (in einigen Punkten modifiziert) in die europäischen Working Groups des TC 250/SC 5 transportiert.

Beim TC 250/SC 5 liegen die ersten finalen Entwürfe zu den Themenkomplexen Brettsperrholz, Ver­stärkun­gen und Holzbetonverbund vor. Hier konnten auch die Ergebnisse der PRB-Projekte „Verstär­kungen – Querdruck“ und „Verstärkungen – Sperrwirkung“ platziert werden. In den weiteren Bereichen hat in den sogenannten Project Teams die Arbeit an den Entwürfen erst begonnen. Mit einer finalen Fas­sung einzelner Abschnitte ist hier ab 2020 zu rechnen. Die Arbeitsergebnisse der PG 4 kommen somit genau zur richtigen Zeit.

Ausblick / Weitere Projekte

Im Rahmen der laufenden Auswertung der europäischen Kommentare aus der systemati­schen Über­prüfung und bei der Überarbeitung des EC 5 bis zur Fertigstellung des neuen Normentwurfs etwa bis Ende 2023 müssen zukünftig Änderungs- und Verbesserungs­vor­schläge aus anderen Ländern disku­tiert werden. Dabei kommt es darauf an, diese Vor­schläge aus Sicht der Anwenderfreundlichkeit so­wie im Hinblick auf Sicherheit und Wirtschaftlichkeit zu beurteilen und mit den deutschen Vorschlägen zu vergleichen. Dieser Prozess wird zu weiterer Überarbeitung und Optimierung der Vor­schläge füh­ren und es werden sich neue Forschungsthemen ergeben, die bisher noch nicht als Schwer­punkte identifiziert worden sind.



[1] Das Europäische Komitee für Normung (CEN - Comité Européen de Normalisation) ist verantwortlich für europäische Normen. Die Gesamtverantwortung bezüglich der Bemessungsnormen obliegt dem Technical Committee 250 (TC 250) “Structural Eurocodes". Für den EC 5 ist das Sub-Committee 5 (SC5) zuständig.